Vergessene Medikamente: Barbiturate

 

Vor über 100 Jahren, nämlich 1903, kam das erste synthetische Schlafmittel auf den Markt: das Barbital.

1902 synthetisierte der Chemiker Emil Fischer Barbital - ein langwirksames Barbiturat, das bis in die 1970-er Jahre als verlässliches Schlafmittel verwendet wurde. Allerdings führte es sehr leicht zu Gewöhnung und Sucht. Bei unsachgemässer Anwendung konnte es schnell überdosiert werden und zum Tod führen.

Um 1864 begann Adolf von Baeyer, damals 29 Jahre alt, mit der Suche nach einem neuen Schlafmittel, indem er all die bekannten Stoffe miteinander verglich und versuchte daraus Gemeinschaften abzuleiten. Er gelang ihm, die Barbitursäure aus Harnstoff und Malonsäure herzustellen.
Einer (natürlich nicht bestätigten!) Anekdote zufolge, taufte er die neue Substanz in einem Wirtshaus in Gent mit dem Phantasienamen Barbiturat, da es gerade der Tag der heiligen Barbara war (und Urea = Harnststoff). Sein Ziel war daraus ein Schlafmittel abzuleiten, was ihm aber nicht gelang.
Die Barbitursäure selbst besass keine schlafanstossenden Eigenschaften. Aber sie wurde wichtiger Ausgangsstoff für alle Barbiturate, die in der damaligen Zukunft noch 'erfunden' werden sollten.

Sein Schüler und späterer Chemie-Nobelpreisträger Emil Fischer verfolgte die Idee mit der Barbitursäure weiter, und es gelang ihm mühelos rund 20 Derivate herzustellen.


Vorstufe zu Barbital, wirkt aber noch nicht schlafanstossend
Sein Kollege von Mering, ein anerkannter Mediziner, testete alle an Tierversuchen mit Hunden und wählte anschliessend 3 Substanzen für die klinischen Prüfung aus.
Diese wurden wiederum, wie es zu der damaligen Zeit üblich war, an Patienten ausgetestet, die in der Psychiatrie stationiert waren...
Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt der Deutsche Biochemiker und spätere Nobelpreisträger Dr. Emil Fischer zusammen mit seinem Neffen Alfred Dilthey und dem genialen Arzt Joseph von Mering ein sensationell wirksames Medikament gegen Schlaflosigkeit: das Barbital.
Das völlig neuartige Designermedikament wirkt in kleinen Dosen als Schlafmittel und bei höheren Dosen als Narkosemittel.

Emil Fischer war ein genialer Chemiker, er begründete die klassische organische Chemie.

Emil Fischer kam über Umwege zur Chemie. Er begann auf seines Vaters Wunsch eine Kaufmannslehre, brach diese aber bald ab und begann zu studieren. Der enttäuschte Vater, selber ein sehr erfolgreicher Unternehmer, soll gesagt haben: „Der Junge ist zum Kaufmann zu dumm, er soll studieren“.

Emil Fischer
Emil Fischer (Wikipedia)
Es gelang ihm, die Struktur von vielen Naturstoffen aufzuklären, synthetisierte Koffein und Theobromin, entdeckte Phenylhydrazin, ein Grundstoff, der später zur Herstellung von Farben (Tartrazin) und Medikamenten (Antipyrin) genutzt wurde.
Er arbeitete als erster mit Nukleinsäuren und Nukleotiden, den Zellkernsubstanzen. Auch erforschte er Fette und Eiweissstoffe und entdeckte dabei das wichtige Schlüssel-Schloss-Prinzip bei der Wirkung der Enzyme auf ihre Substrate.
Auf Grund seiner Arbeiten gilt Fischer auch als Begründer der Biochemie.

Trotz oder wegen Hangover?!

Unter den in den psychiatrischen Kliniken getesteten Substanzen gewann die Substanz Barbital (später Veronal benannt) alle Teste!
Nach deren Einnahme versanken alle Probanden (eigentlich Patienten!) in einen Tiefschlaf, der anscheinend traumlos war. Auch am nächsten Tag machte sich die beruhigende Wirkung noch bemerkbar, was in den psychiatrischen Kliniken damals geradezu begrüsst wurde; der Grund dafür war der Hangover.

Als Hangover bezeichnet man die weiterdauernde Müdigkeit und Abgeschlagenheit nach der Einnahme von Schlafmitteln am Vorabend; dies tritt in der Regel nur bei langwirksamen Medikamenten ein.

Barbital, Veronal
Heute wird ein Hangover nach Medikamenteneinnahme als unerwünschte Nebenwirkung gewertet und wird nicht mehr tolereiert. Man weiss, dass Veronal eine Halbwertszeit von etwa 100 Stunden besitzt; dies bedeutet, dass nach 100 Stunden noch die Hälfte der Dosierung im Körper aktiv ist! Kein Wunderalso, dass damals die Patienten in den psychiatrischen Kliniken ganztägig im Halbschlaf vor sich hindösten!

Die Industrialisierung in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte nicht nur positive Seiten: in den Grossstädten wuchs vieles enorm: die Bevölkerung, die Fabriken, aber auch der Lärm und der Stress! Viele Menschen leiden unter chronischen Müdigkeit, aber auch an Schlafstörungen - da kam ein Wunderschlafmittel wie das Veronal gerade zur rechten Zeit.

Und so können die beiden beteiligten Firmen Merck und Bayer am 1. Juli 1903 das euphorisch begrüsste Schlafmittel unter dem Namen 'Veronal' in den Handel bringen.

Bildquelle: Wikipedia

Der Name Veronal.... Eine nette Anekdote besagt, dass von Mering das Mittel einnahm, als er mit dem Zug von Berlin nach Basel fuhr - aber erst in Verona aufwachte... und somit war der Name 'Veronal' geboren!

Beworben wurde es mit dem Beinamen "das freundliche Schlafmittel", denn es galt als harmlos, wirksamen und nebenwirkungsfrei! Dank der vermeintlich "guten Verträglichkeit ohne Nebenwirkungen" wurde das Produkt zum Verkaufshit.

 

Veronal
Bild um 1914 (mit freundlicher Erlaubnis der Firma Merck)

Bild Wikipedia
Doch es dauerte nicht lange, da geriet Veronal auch schon in Verruf als Sucht- und Selbstmordmittel: die Rezeptpflicht wurde 1908 eingeführt. In der Hoffnung, doch noch ein nebenwirkungsfreies Produkt zu finden, wurden in den nachfolgenden 50 Jahren über 1000 weitere ähnliche Substanzen synthetisiert. Diese untersuchte man sorgfältiger, als es von Mering mit seinen Hunden tat, auf ihre Wirkung.
Doch alle wirkten prinzipiell ähnlich:
  • angstlösend
  • beruhigend
  • schlaffördernd
  • narkotisch bis hin zum Tod

Der Unterschied zeigte sich nur in der Verteilung und Verweildauer im Körper (Halbwertszeit).


(Bild Wikipedia)
Veronal fand verschiedentlich Eingang in die Literatur als beliebtes Mittel, um Selbstmord zu begehen; so nimmt zum Beispiel 'Fräulein Else' in Arthur Schnitzlers gleichnamiger Novelle Veronal ein, um Selbstmord zu verüben (1924). In Agatha Christies Kriminalromanen hingegen wird mit Barbituraten 'gemordet'.
Ab den 1960er Jahren wurden die Barbiturate immer mehr durch Benzodiazepine ersetzt und Anfang der 70er Jahre wurde es ganz aus dem Verkehr genommen.
Mit den Benzodiazepinen meinte man übrigens ein weiteres Mal, das perfekte Schlafmittel gefunden zu haben ('Mothers little helper' ). Aber das ist eine andere auch sehr interessante Geschichte....
Daneben wurde 1912 die Diethylbarbitursäure erfolgreich mit Chinin chemisch verbunden; diese Verbindung nannte man Chineonal. Chinin war damals das Mittel gegen Malaria und Fieber. Die beiden wirksamen Stoffe in einer Verbindung, das verhiess Hilfe bei :
Chineonal
Bild um 1910 (mit freundlicher Erlaubnis der Firma Merck)
Aus der heutigen Sicht wirkte das Mittel vor allem beruhigend, und dies über viele Stunden oder sogar Tage.
Kleine Dosis: Beruhigung
Mittlere Dosis: Tiefschlaf
Hohe Dosis: Narkose bis Tod

Barbiturate wirken in niedrigen Dosen beruhigend, schlaffördernd und krampflösend. In grösseren Dosen führen sie zu Tiefschlaf, Narkose und zum Tod. Weiter wird aber auch die Atmung und die Herzfrequenz durch die Barbiturate dämpfend beeinflusst.


Sie wurden früher sowohl als Schlafmittel als auch als Beruhigungsmittel verwendet, und dies auch für Kinder.
Bald wurden sie auch in Kombination mit andern Medikamenten, wie Schmerz- und Asthmamitteln verwendet.
Heute ist die Verwendung stark eingeschränkt:

  • Epilepsie und Krampfzustände (Luminal).
  • Die ganz kurz wirksamen Verbindungen werden bei der Narkoseeinleitung verwendet (Thiopental).
  • In USA werden die Barbiturate zusammen mit andern Medikamenten für Hinrichtungen verwendet.
  • Tiermedizin: zum Einschäfern von Tieren
  • EXIT: Im Rahmen der Sterbehilfe werden Barbiturate bei EXIT verwendet.
Da sie in höheren Dosen zu Tiefschlaf, Narkose bis zum Tod führen, wurden sie daher oft für Selbstmordversuche benutzt. Bei regelmässigen Einnahme stellt sich bald eine Gewöhnung ein, bei chronischem Missbrauch kommt es zu einer starken Abhängigkeit (köperliche und psychische Sucht). Vor allem in den 1950-er und 60-er Jahren waren viele abhängig, da die Mittel frei verkäuflich und sich zusätzlich in vielen Kombinationspräparaten Bestandteil waren.
Bis vor knapp 50 Jahren (also bis in die 1970er Jahre) waren Barbiturate die häufigste Ursache für Medikamentenvergiftungen und bei Selbstmorden. Zudem führten sie schnell in eine Abhängigkeit, denn zu oft war der traumlose Schlaf allzu verführerisch...

Da sich die Dosierung der Barbiturate auf einem schmalen Grat zwischen therapeutischer Wirkung und tödlicher Dosis bewegt, wurden rezeptpflichtigen Barbiturate stufenweise ab den 80-er Jahre bis Anfang der 90-er Jahre verboten.

Marilyn Monroe
Die Umstände vom Tod Maryiln Monroes konnten nie ganz geklärt werden. Sicher ist jedoch, dass sich die beiden Schlafmittel Pentobarbital und Chloralhydrat in ihrem Blut befanden.

Quelle: DocCheckNews

Uwe Barschel
Auch als der deutsche CDU-Politiker Uwe Barschel 1987 tot in einem Genfer Hotel aufgefunden wurde, befand sich in seinem Blut - wohlverstanden neben 7 andern Medikamenten- ein Barbiturat gefunden. Die Umstände und Ursachen seines Todes konnten ebenfalls bis heute nicht genau geklärt werden (weiterführende Informationen dazu hier und hier).

Jimy Hendrix
Jimy Hendrix schrieb Musikgeschichte - und endete dennoch tot in einem Hotelbett.
Als Jimy Hendrix am 18.9.1970 in einem Londoner Hotel tot aufgefunden wurde, vermutete man sofort harte Drogen als Todesursache. Untersuchungen ergaben jedoch, dass er Schlaftabletten (Secobarbital) und Alkohol konsumiert hatte.

Quelle: DocCheckNews

Jimy Hendrix, Wikipedia
Jimy Hendrix (Ausschnitt Foto Wikipedia)

Kurt Tucholsky
Kurt Tucholsky war ein sehr bedeutender Journalist in der Weimarer Republik. Er, der linke Demokrat, warnte vor rechten Einflüssen von Seiten der Politik, Justiz und Militär. Auch empfand er schon früh den Nationalsozialismus als Bedrohung.

Kurz vor seinem Tod war Kurt Tucholsky krank: er hatte starke Magenbeschwerden und war deswegen sogar im Spital. Von da an konnte er ohne Schlafmittel (Barbiturate) überhaupt nicht mehr schlafen. Er nahm am 20.12.1935 eine Überdosis dieser Tabletten und starb am Tag darauf. In jüngerer Zeit wird aber vermutet, dass diese Selbsttötung aus Versehen war.


Kurt Tucholsky (Foto Wikipedia)
Barbiturate wurden aber auch absichtlich in hohen Dosen eingenommen, um Selbstmord zu begehen: so z.B. der österreichische Dichter Stefan Zweig mit seiner Frau.
Welt Online: Artikel über Marilyn Monroe
Tod und Theorien um Marilyn
Kurt Tucholsky Info Seite
by Isabelle Quinter