Pillen

Bei den Pillen handelt sich nicht etwa um die Antibabypille, wie der Volksmund es normalerweise versteht, sondern um eine eigenständige Arzneiform, die aber heute praktisch nicht mehr hergestellt wird. Noch vor 30-40 Jahren konnten die Apotheker Pillen auf Rezept mit einer individuellen Zusammensetzung herstellen; aber bald wurde die Arzneiform 'Pilulae' (von lateinisch 'Kügelchen') von den Gelatinekapseln verdrängt. Letztere liessen sich in der Apothekerlaboratorien einfacher und hygienischer herstellen; und vor allem war die Genauigkeit bei der Dosierung von hoch wirksamen Inhaltsstoffen um einiges höher!  
Aber lesen Sie selbst….
In der heutigen Umgangssprache versteht man unter Pillen meist feste Arzneimittel, wie Tabletten, Dragée oder Kapseln. Spricht man von 'der Pille', so meint man die Antibabypille, welche aber meistens als Form von Dragées oder Filmtabletten verkauft wird.
Pillen werden Arzneizubereitungen genannt, welche kugelförmig sind und ein Gewicht zwischen 0.1 - 0.2g haben. Kleinere Pillen heissen Granula (lateinisch für Körner). Die Herstellung von Pillen erfordert einiges an Übung und Erfahrung. Der Grund dafür ist, dass es keine allgemein geltenede Vorschrift für die Zubereitung einer allgemeinen, brauchbaren Grundmasse gibt.
Bis ins 17. Jahrhundert rollte der Apotheker jedes einzelne Pillchen in seiner Hand (...damals gab es aber noch keine Gummihandschuhe...) zu mehr oder weniger runden Kügelchen – daher kommt der spöttischer Übername für den Apotheker: Pillendreher.
Einen Pillendreher gibt es übrigens auch in der Tierwelt: der heilige Pillendreher, ein Scarabäus-Käfer, der im alten Ägypten als Symbol für den ewigen Kreislauf der Sonne verehrt wurde.


(Bildquelle: Wikipedia)
Im 18. Jahrundert wurden die Medikamente zum Einnehmen meist als Sirup oder Pulverbriefchen verabreicht. Man suchte nach einer Alternative, welche folgende Bedürfnisse erfüllen sollte:
1. angenehmer Geschmack, bittere Stoffe sollten übertönt werden
2. Genaue Dosierung auch bei stärkeren Wirkstoffen
3. Verabreichung von halbesten oder sogar flüssigen Wirkstoffen als feste Arzneiform
Einmal gefunden, sollte diese neue Arzneiform eine höhere Akzeptanz beim Patienten finden und daher regelmässiger eingenommen werden, was die Wirksamkeit und Heilungschance erhöhen sollte.
Die Arzneiform der Pilula ('Pille') erfüllte diese Anforderungen und stellte Arzt, Apotheker und Patient zufrieden. Nach und nach wurde diese Arzneiform ab den 60-er Jahren durch Tabletten, Filmtabletten und Dragées vollständig abgelöst.
Arzneimittel in Form von Pillen wurden bis in die 1960-er Jahre verkauft.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden hauptsächlich pflanzliche Wirkstoffe zu Pillen verarbeitet: so wurden aus Aloe, Rhabarberwurzel, Sennesblätter zusammen mit blähungswidrigen Pflanzen wie Fenchel und Wacholder die Abführpillen hergestellt. Aber auch Pillen gegen Hysterie (mit Stinkasant, Myrrhe und Baldrian, bestreut mit Safran) stellte man her, oder Opium- und Blei-Opium-Pillen gegen Schmerzen. Die Dosierungsgenauigkeit der oft sehr wirksamen Inhaltstoffe konnte noch nicht so genau eingehalten werden wir heute...
Hier ein paar Beispiele:
Abführpillen
Vor allem aber wurden Abführpillen (immer mit Aloe-Extrakt) in verschiedenster Zusammensetzung hergestellt; die meisten damaligen Wirkstoffe werden heute nicht mehr verwendet oder sind sogar verboten.

[3]
Pillen mit Arsen und Strychnin
Anfangs des 20. Jahrhundert wurden noch verschiedenste Arzneimittel mit Arsenik hergestellt und verkauft, so auch verschiedene Pillen, die Arsenik enthielten. So enthielten zum Beispiel die Pilulae Metallorum Arsenik, Strychnin, Chinin und Eisen und wurden bei Malaria eingesetzt..

Pilulae arsenicales
Die in England weit verbreiteten (im 19. Jahrhundert) Pillen enthielten neben Arsenik auch schwarzen Pfeffer [1]
Pilulae febrifugae arsenicales
Sichere Anwendung dieser Pillen bei Fieber [2]
Pilulae balsamicae
Pillen gegen Phthisis purulenta ('Eiterschwindsucht') [2]
Pilulae hepaticae
Pillen mit Schwefelleber (Hepar sulfuris; heute nur nur noch selten als technisches Hilfsmittel verwendet) und Lakritze , bei Krankheiten der Luftröhre, Heiserkeit empfohlen[2]

Pilulae emenagogae cum ferro
Pillen mit diversen Pflanzenextrakten (Aloe, Eiben, Myrrhe, Kamille, Absynth, Schafgarbe) und Eisenoxid. "sehr empfehlenswert bei Bleichsucht" [2]

[3]

Der Autor des Rezepturbuches empfahl diese Pillen wärmstens bei 'Bleichsucht:
Als Emenagogum wird aber eigentlich ein Medikament bezeichnet, welches den Eintritt der monatlichen Blutung fördert...
Leo Pillen
Leo Pillen ab 1924 bis in die 60-er hergestellt (gemäss Anpreisung von 1966: 'Wie Balsam für den Darm'), ein pflanzliches Abführmittel mit Aloe, Faulbaumextrakten und Rhabarberwurzel

(Bildquelle: Wikipedia)
Bei der Zubereitung von kleineren Mengen wurden zunächst die 'trockenen' Zutaten in einem tiefen Pillenmörser sorgfältig gemischt.Anschliessend werden die flüssigen Bestandteile, z.B. Pflanzenextrakte, Tinkturen untergemischt und kräftig durchgearbeitet.

Wenn jetzt keine knetbare Masse entstanden ist, müssen Bindemittel zugesetzt werden. Je nachdem, ob die Masse zu trocken oder zu nass ist, wird das Bindemittel ausgewählt.

Bei bröckligem, trockenen Teig: meist wurde Süssholzsaft, aber je nach Rezeptur konnte auch Zuckersirupo oder verdünntes Glycerin verwendet werden.

Bei nassem Teig: gepulvertes Süssholz verdickt einen zu feuchten Teig.

Zu Beginn der Pillenherstellung wurde auch mit Wachsen, Gummi arabicum und Eibischwurzel experimentiert. Aber schnell zeigte sich, dass diese Hilfsstoffe die Pillen zu hart und schwerlöslich machten. Oft passierten solche Pillen den Darm absolut unverändert und zeigten demnach auch keine Wirkung
Da das Zubereiten des Teiges im klassischen Metallmörser mit dem Pistill gerade für grössere Mengen anstrengend und auch zeitraubend war, wurden bald einfachere Apparate erfunden: rechts im Bild ein Knetapparat, der in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Er wurde als 'vollkommenes Hilfsmittel' angesehen...

'...Dieser Apparat lässt sich an jeden Tisch anschrauben und kann auch mit Heizvorrichtung geliefert werden...'

Bilder [4]

Ganz grosse Mengen können in der Knetmaschine links zubereitet werden. Ähnliche, weiterentwickelte Knetmaschinen werden auch heute noch verwendet.

 

 

 

 

Rollen
Anschliessend rollte man auf der Dietericheschen Pillenmaschine den Teig zu einem gleichmässigen Würstchen aus (mit dem flachen Brettchen links im Bild).
Abteilen
Der Teigstrang wurde anschliessend auf die unterteilte Schneidefläche gelegt und mit dem Gegenstück (rechts im Bild) mit leichtem Druck zu einzelnen Pillen abgeteilt.

Dieterichsche Pillenmaschine, Pillenabschneider [4]
Später konnten die Pillenstränge auch mit Pillenstrangpressen hergestellt werden. Diese funktionierten ähnlich wie eine Vermicelles-Presse.
Bilder [4]

Das Pillenrollen
Mit dem Pillenroller (Rollierer) schliesslich rollte man anschliessend die Pillen zu gleichmässig runden Kügelchen. Damit sie nicht zusammenklebten wurden sie anschliessend mit Bärlappsporen bestreut oder - wenn der reiche Kunde es sich leisten konnte - sogar mit Goldstaub!

 

 

Apparatur der Volksapotheke Roter Ochsen in CH-Schaffhausen
Lackieren: mit Tolubalsam in Chlorofrm (!) gelöst konnten die fertigen Pillen lackiert werden. Der Apotheker Dieterich empfahl folgende Mischung Mastix und Benzoe in Alkohol und Ether gelöst. Etwa 100 getrocknete Pillen wurden in einem rotierenden Porzellangefäss mit wenig der Lösung versetzt. Sobald sie nicht mehr kleben wurden sie an der Luft getrocknet. Dieser Vorgang wurde so oft wiederholt, bis der Überzug gleichmässig ist. Mit der Erfindung des Dragierkessels konnten diese zeitraubenden Arbeitsschritte automatisiert werden.
Gelatinieren: die fertigen Pillen wurden in einer warmen Gelatinelösung gerollt und anschliessend getrocknet, entweder auf einem mit Ölbestrichenem Blech oder einzeln auf Nadeln aufgespiesst. Auch dieser Vorgang musste mehrere Male durchgeführt werden.
Überziehen mit Kakaoöl:. Die fertigen Pillen wurden in wenig geschmolzener Kakaobutter in einer flachen Schale gerollt bis sie gleichmässig geölt waren, Nach 1 Stunde bei kühlen Temperaturen Erstarren, wird der Vorgang so oft wiederholt, bis das Ergebnis zufiredenstellend war.
Überziehen mit Schokolade: Die fertigen Pillen wurden im Zuckersirup befeuchtet und in einer flachen Schale in einer Mischung von Kakao- und Zuckerpuder gerollt. Die Pillen werden luftgetrocknet und vorsichtig in kräftig kräftig einer Schale unter stetem Rollen erwärmt, wodurch der Glanz entsetht.
Keratinieren: Ziel des Überzugs mit Horn war es die Pillen magensaftresistent zu machen. In einem aufwändigen Verfahren wurden die Pillen mit Keratinlösung befeuchtet und wieder getrocknet (dieser Vorgang wurde bis zu 10 x wiederholt)
Versilbern: Zum Versilbern kleiner Mengen Pillen wurden diese kräftig in Blattsilber gerollt.
[1] Theorie und Praxis de pharmaceutischen Experimentalchemie, Adolf Duflos, 1841
[2] Rezept-Taschenbuch oder die üblichen Rezeptformeln und ihre Anwendung in der klinischen Anstalt zu Bamberg, 1814
[3] Die Wirkungen der Arzneimittel und Gifte im gesunden thierischen Körper, Carl August Wibmer, 1931
[4] Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis 1926