Morsuli, Morschellen, Morsellen

Im Mittelalter gabe es noch keine Pillen, Kapseln oder Tabletten. Da wurden in den Apotheken Morsuli (lateinisch für 'kleine Bissen') hergestellt. Die Inhaltsstoffe wurden dabei mit Zucker, Honig und den verschiedensten Gewürzen (siehe weiter unten) eingekocht und nach dem Erkalten in Stücke geschnitten.
Damals wie heute lassen sich bittere Arzneistoffe leichter einnehmen, wenn sie umhüllt sind und der oft bittere Eigengeschmack nicht mehr zu schmecken ist. Heute werden Filmtabletten maschinell hergestellt, so dass auch der bitterste Arzneistoff problemlos geschluckt werden kann. In früheren Jahrhunderten jedoch verarbeiteten spitzfindige Apotheker die Medizin in süsses Zuckerkonfekt ein, so dass der 'kleine Bissen' mit dem bitteren Innenleben leichter geschluckt werden konnte.

Kapseln lassen ihr Inneres durchscheinen,
aber nicht den Geschmack!"

Drageées und Filmtabletten:
So werden heute bittere Arzneien perfekt umhüllt.
Morsuli oder deutsch Morsellen bzw. Morschellen nannte man Zuckerkonfekt, in welches die Arzneistoffe eingearbeitet wurden. Die Herstellung von Morsuli (lateinisch: kleiner Bissen) erforderte einiges an Geschicklichkeit, Übung und Können!
Erstmals wurden die Morsellen im 15. Jahrhundert beschrieben. Sie wurden in Lüneburg als Bestandteile eines Warenlager aufgelistet. Sie wurden aus den Elektuarien, die aus Honig bestanden, weiterentwickelt.
Sie sind erstmalig im Arzneibuch "Lumen apothecariorum" von Quirinius de Augustis (1492) aufgeführt und waren bis Ende 19. Jahrhundert offizinell.
Morsellen hatten einen sehr hohen Zuckeranteil, daher wurden sie auch 'Apothekerkonfekt genannt, welches oft auch von Apothekern aus rein wirtschaftlichen Gründen neben Medikamenten verkauften. Damals war Zucker Grundlage vieler Arzneimittel.

Später schätzte auch Effie Briest im gleichnamigen Roman (1894) von Theodor Fontane - der übrigens als Apothekerssohn auch eine Ausbildung zum Apotheker absolvierte (alledings eher widerwillig!) - das Weihnachtsgeschenk: ein Morsellenkästchen mit Pistazien- und Mandelmorsellen:

Zuletzt fand man die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen, dessen eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war. Es hiess da:

Drei Koenige kamen zum Heiligenchrist,
Mohrenkoenig einer gewesen ist -
Ein Mohrenapothekerlein
Erscheinet heute mit Spezerein,
Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.

Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darüber. "Die Huldigungen eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst du nicht auch, Geert?" [1]


Bildquelle: Wikipedia
Die kleinen (Lecker-)Bissen bestanden aus Zuckermasse, die mit feingeschnittenen Mandeln, Gewürzen und verschiedenen Pflanzen ergänzt wurden. So bestanden z.B. Magen-Morsuli aus der Grundmasse (Zucker) und den Gewürzen Kardamom, Zimt, Gewürznelken, Mandeln, kandierte Zitronen- und Orangenschale. Die ganze Masse wurde eingekocht, in eine Buchen- oder Eichenholz-Form gegeben und nach dem Erkalten in mundgerechte Stücke geschnitten.

"Man kocht besten weissen Zucker mit Wasser ohne Umrühren (!) bis zur Federprobe (=Flockenbildung einer von einem Spatel weggeschleuderten Probe), fügt unter sorgfältigem Rühren verschiedenartig eingefärbte Mandelstifte und Gewürze hinzu und giesst diese in befeuchtete Formen aus Eichenholz. Noch warm wird die Masse mit einem scharfen Messer in schmale Streifen." [4]

Als Farbstoffe bediente man sich folgender Flüssigkeiten:

Als Gewürze wurden z.B. folgende verwendet:
  • Zimt
  • Cardamom
  • Ingwer,
  • Galant
  • Muskatnuss
  • Gewürznelken
  • Citronat, Pomeranzenkonfekt in kleine Würfel geschnitten.
Oft wurden die Morsuli aber auch mit Cacao, Vanille oder Schokolade verfeinert und erinnerten somit an kleine Karamellen oder ähnliche Süssigkeiten.

Es wurden die verschiedensten Morsellen hergestellt, da auf diese Weise der eventuell bittere Geschmack der Arzneien (wie z.B. Maiglöckchenextrakt in therapeutischen Dosen) überdeckt werden konnte.
Herzstärkende Morsuli mit Hyazinthen- oder Maiglöckchenextrakt
Morsuli gegen Würmer
Morsuli gegen Gicht (Antimonmorsellen, Spiessglanzmorsellen, Morsuli antimoniales nach Kunkel): Kunkels Spiessglanz-Morsellen enthielten Antimon (=Spiessglanz) [5]
Morsuli für das Gedächtnis (mit Lavendelwasser)
Morsuli zur Stärkung des Hauptes (mit Pfingstrosenwurzel, die Hildegard von Bingen auch bei Fallsucht=Epilepsie wärmstens empfahl)
Morsuli zum 'Purgieren' (mit Aloe)
Morsuli
pestilentialis (gegen Pest), mit verschiedensten Zutaten, wie Baldrian, Tormentil- und Engelswurzel, Acerola-, Koriander- und Zitronensamen, rote Koralle usw. [3]
Reinerzer Brustkaramellen: sie enthielten das Salz der Reinerzer Lauequelle, Spitzwegerich und Malzextrakt und sollten wohl schleiml
ösend wirken. [4]

[1] Aus 'Effie Briest', Theodor Fontane
[2] Originalrezept für Morsellen
[3] Johann Zedlers Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (aus dem 18. Jahrhundert)
[4] Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis 1926
[5] Arzneyen ohne Maske, D. Joseph Lenhardt, 1788
[6] Zimt – Magentherapeutikum im Wandel der Zeit
Vom Magenbrot und den Magenmorsellen: Interessantes rund um Basler Mässmögge, Magenbrot und Magenmorsellen
Stern's Magenmorsellen: bis heute können diese in Basel gekauft werden